Vom Quereinstieg und Frühausstieg

Vom Quereinstieg und Frühausstieg

Tatsachenbericht von Renate Brunnbauer

 

„Ich habe in meinen über 40 Jahren als Lehrer in Beratungsgesprächen nie erlebt, bis vor ein, zwei Jahren, dass mich Leute fragen, was sie tun müssen, dass sie kündigen können“, sagt Josef Gary Fuchsbauer, Bundeskoordinator der ÖLI-UG im krone.tv-Talk mit Jana Pasching. (https://www.krone.at/2974329)

 

Der erhebliche Personalmangel und die Reaktionen darauf verschärfen diese Entwicklung. Es wird versucht Personal durch Werbemaßnahmen in den Beruf zu holen. Auf der Website klassejob.at wird der Beruf mitunter wie ein Hobby oder eine Nebenbeschäftigung dargestellt. Quereinstieg heißt das in der von den Medien aufgegriffenen Kampagne. Ein Köder, dem leider die zu erwartenden Arbeitsbedingungen nicht folgen. Falsche Informationen im Vorfeld, falsche Erwartungen und große Verblüffung über die tatsächliche Arbeitssituation in diesem Beruf münden vielfach in große Enttäuschung und Rückzug.

 

Was heißt Quereinstieg?

 

Mit Quereinstieg ist gemeint, dass Personen ohne Lehramtsstudium unter bestimmten Bedingung als Lehrpersonen mit einem abschlagsfreien Vertrag angestellt werden können.

 

Im Wesentlichen ist damit LVG § 3 Abs. 3 und 3a gemeint, wo formuliert wird, dass es mit einer der Verwendung entsprechenden oder zumindest fachlich geeigneten abgeschlossenen Hochschulbildung, sowie einer dreijährigen fachlich geeigneten Berufspraxis möglich ist, mit einer ergänzenden pädagogisch-didaktischen Ausbildung von 60 bzw. 90 ECTS (je nach Studienabschluss) die Zuordnungsvoraussetzungen für einen regulären Dienstvertrag zu erfüllen.

 

Diese Bedingungen sind also viel klarer abgegrenzt als das in den Medien und auch bei Bewerbungen kommuniziert wird. So gibt es etwa im Bereich der Volksschulen und Sonderschulen überhaupt keine Möglichkeit des Quereinstiegs in diesem Sinn. Einen abschlagsfreien Dienstvertrag gibt es hier nur, wenn das Lehramtsstudium nachgeholt wird.

 

Für uns im Dienst stehende Lehrer:innen ist es wenig überraschend, dass Neueinsteiger:innen das berufsbegleitend kaum schaffen können. Fehlinformationen über die Möglichkeiten, ein reguläres Gehalt zu bekommen, sind gang und gäbe.

 

Die unrealistische Darstellung oder Vorstellung von den Arbeitsbedingungen und die häufige Desinformation über die Bedingungen bei einem Quereinstieg sind nicht die einzigen Missgeschicke, die auf Dienstgeberseite zum Thema Lehrer:innenmangel passieren. Was den Reaktionen auf den Personalmangel gemeinsam ist, ist ihr restriktiver Charakter. Beispiele sind verpflichtende Überstunden oder Verweigerung von Teilzeitarbeit.

 

In Oberösterreich sind seit Schulanfang über 100 Kolleg:innen aus dem Dienst getreten.

 

Konkrete Gründe für diese Entscheidungen sind uns nur teilweise bekannt. Manches können wir erraten: Während in anderen Berufen für ältere Mitarbeiter:innen eine Reduzierung der Arbeitszeit sogar durchgeförderte Altersteilzeitangebote unterstützt wird, werden im Schulbereich belastete Kolleg:innen zu Bittsteller:innen, die im Extremfall ihren Beruf aufgeben. Ab einem gewissen Alter ist die Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Einschränkungen einfach größer, hat die Belastbarkeit einfach andere Grenzen. Trotzdem ist zu vermuten, dass die älteren Kolleg:innen gar nicht die größte Gruppe unter den Frühaussteiger:innen sind. Es sind viele junge Kolleg:innen die sich gezwungen sehen den Schuldienst wieder zu verlassen. Es sind einerseits enttäuschte (oft vorher falsch informierte) Quereinsteiger:innen, aber auch Lehrpersonen mit Betreuungspflichten in den Familien. Zwar besteht ein Rechtsanspruch auf Herabsetzung der Lehrverpflichtung zur Betreuung eines Kindes neuerdings bis zur Vollendung des 8. Lebensjahr des Kindes, darüber hinaus lässt sich die Arbeitszeit einer Lehrperson allerdings nicht auf spezielle Bedürfnisse einer Familie abstimmen.

 

Das ist die Situation, die Gary Fuchsbauer im eingangs erwähnten Interview angesprochen hat: Personalvertreter:innen beraten Kolleg:innen über Kündigungszeiten und Abläufe beim Ausstieg aus dem Schuldienst (siehe auch den Artikel von Christoph Kitzberger in dieser Ausgabe). Vor kurzem habe ich eine Kollegin beraten, für die der Beruf deswegen nicht mehr möglich ist. Sie sieht sich gezwungen, als Lehrerin aufzuhören, einen Job zu suchen, der ihr erlaubt, ihre familiäre Situation zu managen. Die Schule, die Kolleg:innenschaft hat die Unterstützung dieser Kollegin jetzt nicht mehr zu 50 Prozent, sondern gar nicht mehr. Problem gelöst?

 

Wir sollten auf die Quereinsteiger:innen hören!

 

„Ich habe vorher in der Privatwirtschaft häufig 24/7 gearbeitet – aber sogar da gab es Regeln.“

 

Im Schuldienst fühlen sich manche Quereinstiger:innen ausgeliefert: „Bin ich rund um die Uhr im Dienst? Gibt es wirklich keine Möglichkeit für mich, irgendwie Zeitausgleich zu kriegen, wenn der Bodenleger ins Haus kommt? Ist das von der Stimmungslage in der Direktion abhängig?“

Wir sollten auf die Quereinsteiger:innen hören. Ihnen fällt auf, was bei uns Alten bereits einer gewissen Betriebsblindheit unterliegt. Der Grad der Selbstbestimmtheit wird wesentlich dazu beitragen, wie gut wir in der Zeit des Personalmangels durchhalten.

 

Wie das Problem politisch angepackt wird.

 

Die Reaktion der verantwortlichen Politiker:innen auf die Herausforderungen des Bildungssystems sind seit Ewigkeiten gleich geblieben. Sind die Problemfelder dermaßen gravierend, dass sie sich nicht mehr verschweigen lassen, erwacht wie durch Zauberhand die Politik – die Regierenden finden plötzlich auch, dass etwas getan werden muss. Es wird eine Arbeitsgruppe zur Evaluation gebildet.

 

Auch wenn die Ergebnisse einer weiteren Untersuchung ohnehin bereits bekannt sind, es wird erneut erforscht. Selbstverständlich erfolgt jede derartige Untersuchung mit einem erheblichen Arbeitseinsatz der im Dienst stehenden Lehrpersonen und Schulleiter:innen. Das macht sich gut bei Interviews oder Pressekonferenzen, erweckt es doch den Anschein, dass etwas unternommen wird. Das zuständige Evaluationsteam darf auch gerne etwas verdienen (aktuell kostet die Untersuchung zur schlechten Luft in unseren Klassen beispielsweise 600.000 Euro).

 

Was dann folgt ist meist die Verschiebung einer Extremsituation von einem Bereich des Bildungssystems in einen anderen. Denken wir nur daran wie viele Betreuungslehrer:innen bereits klassenführend eingesetzt werden. Die Betreuungsarbeit, wenn auch nicht ganz so vordergründig im laufenden Betrieb sichtbar, wird aber dringend gebraucht. Selbst bei sehr geringer Solidarität mit Kolleg:innen in anderen Schulbereichen kann sich heute niemand mehr über Ressourcen für den eigenen Bereich freuen, weil sie immer anderswo fehlen und wir viel zu sehr wahrnehmen, dass das Bildungssystem weitgehend den Regeln von verbundenen Gefäßen folgt. Das Wasser steht uns allen bis zur Nase, wir gehen (fast) gleichzeitig unter.

 

Was ist es denn das belastet?

 

Natürlich kann man die Überbelastung anhand der zu leistenden Überstunden festmachen. Nur das alleine ist es ja nicht. Die mangelnden Spielräume führen immer wieder dazu, dass wir Kinder nicht entsprechend fördern und betreuen können und die Reaktionen darauf dann in der Schule spürbar werden. Das macht unzufrieden. Lücken, die durch Personalmangel und Ressourcenknappheit entstehen, kann man eben nicht unendlich durch besonderes Engagement wettmachen. Das hat Grenzen. Wir können uns nicht duplizieren und uns zeitgleich verschiedenen Kindern in aller Ruhe widmen. Wir müssen uns bewusst machen, dass es einfach nicht möglich ist alle strukturellen Mängel durch persönlichen Einsatz auszugleichen. Es ist daher nicht nur wichtig, sondern zwingend erforderlich, dass wir aus der Praxis heraus formulieren, dass es so nicht weitergehen kann.

 

Haben wir nicht in der Pandemie wahrgenommen, dass Lehrpersonen mehr tun als „Lernpakete“ austeilen? Haben die Familien vergessen, dass Lernprozesse nicht von selber passieren? Viele haben es nicht vergessen. Und es sind jene Eltern, die gegenwärtig protestieren und nachdrücklich Verbesserungen im Bildungssystem fordern. Das bedeutet natürlich auch, dass uns als Gesellschaft Bildung etwas wert sein muss. Wenn wir Ressourcen einfach nur von einem Bereich in den anderen schieben, wird das nichts werden. Es ist, als ob wir der unangenehmen Rauchentwicklung eines beginnenden Kabelbrandes begegnen würden, indem wir das Gerät in den Nebenraum tragen. Es wir auch dort rauchen und stinken.

 

 

 zurück zu NEWS